Es ist kein Geheimnis, dass ganze Wirtschaftszweige und Industrien zusammenbrechen würden, würden alle Frauen ab heute beschließen, im Reinen mit sich zu sein und sich und ihre Körper zu mögen. Doch was ist es eigentlich, das uns immer wieder dazu bringt, zu zweifeln, ob wir schön genug, gut genug, jung genug sind?
Mädchen im Alter von vierzehn Jahren oder noch jünger fangen an, sich Gesichtsmasken ins Gesicht zu schmieren, um dem Alterungsprozess der Haut vorzubeugen, mit siebzehn sind wir dann schon bei Enzympeelings und Anti-Cellulite-Cremes und zum Achtzehnten wünscht man sich kein Auto mehr, sondern direkt eine Botox-Behandlung und Hyaluron-Lippen. (Im besten Fall das Auto natürlich noch mit dazu.)
Zwanzig Jahre nach „Der Teufel trägt Prada“ sehen wir im zweiten Teil Emily Blunt mit immer noch ebenso glatter Haut – wenn nicht sogar glatter – als zwei Dekaden zuvor. (Sorry, Emily, nichts gegen dich, ich weiß, der Druck ist groß und wir sind alle Opfer dieses multigenerationalen, globalen, multimillionenschweren Marketingdesasters, you’re not alone) Also ich bin mir ziemlich sicher, dass meine Haut vor zwanzig Jahren praller war als sie es heute ist und bei all den Dingen, die ich erlebt habe, halte ich es schon für fast ziemlich logisch, dass man mir die Falten auf der Stirn vom vielen Stirnrunzeln über die globalen und privaten Geschehnisse ansieht. Fun fact: Es wird behauptet, die linke Gesichtshälfte spiegele den emotionalen Part wieder. Ratet mal, welche Seite bei viel Stress und emotionalen Verstrickungen schneller hängend, schlaff und leblos wirkt. (Ja, ich schließe da gerade von mir auf andere und wenn ihr euch jetzt gerade dabei ertappt, wie ihr vor dem Spiegel steht und eure linke Gesichtshälfte gegen eure rechte vergleicht und nochmal euer halbes Leben und alles, was sich emotional auf euch ausgewirkt hat und zu diesem Unterschied geführt haben könnte revue passieren lasst, dann herzlichen Glückwunsch, ihr seid mit an Bord dieser weltweiten Verschwörung gegen Frauen, die davon lebt, Zweifel so tief zu säen, dass es fast unmöglich erscheint, die Wurzel dieses Übels auszureissen.)
Wofür stehen graue oder weiße Haare, Falten und langsamere Bewegungen denn? Heute sicherlich oft für „oh mein Gott, sie ist alt geworden“ und „also, sie könnte da ja mal was machen (lassen)“, während wir gleichzeitig Idealen hinterherhechten, die unerreichbar sind. „So möchte ich auch aussehen, wenn ich ihr Alter erreicht habe“. Ja, bravo, Rahel, dann spar schon mal für einen Personal Trainer und den besten Schönheitsdoktor (was ein Wort überhaupt!) in einer der Großstädte. Nicht falsch verstehen, nichts davon ist eine Abwertung der Arbeit von plastischen Chirurg:innen, die wahrlich manches Wunder schon vollbracht haben und auch nicht von den Menschen, die sich Schönheitseingriffen unterziehen. Aber man darf mit Sicherheit die Definition von Schönheit und auch die Motive hinter diesen Eingriffen hinterfragen.
Es gab Zeiten, da stand weißes Haar für Weisheit und Wissen. Und bei Männern tut es das oft immer noch. Manch ein Mann – man denke an Sean Connery und Richard Gere – erfuhren den Fan-Zulauf und die weiblichen Schwärmereien doch gerade, nachdem sie älter geworden waren und sich dies auch in ihrer Physis zeigte, oder etwa nicht? „Ja, aber ein Mann muss ja auch nicht schön sein, er muss das gewisse Etwas haben.“ Ach so, und wann genau ging das Memo rum, dass Frauen schön sein müssen? Und wieso gilt eigentlich Weisheit und Wissen nicht als schön? Oder nur für bestimmte Teile der Bevölkerung, zumeist jene, deren Chromosome doppelt vorhanden sind, währen die andere Hälfte höchstens darüber nachdenken darf, ihre Körbchengröße zu verdoppeln?
Wie kann es sein, dass wir das, was Männer attraktiv(er) macht bei Frauen als abschreibungspflichtigen Kapitalverlust deklarieren?
Besteht unser Kapital denn einzig und allein aus Jugend und Schönheit? Und wir haben noch nicht mal angefangen, dass Konzept „Schönheit“ zu hinterfragen und den Wandel, dem es unterliegt. Ich mein, wenn nun Hüfthosen und Heroin Chic wieder Trend werden, nachdem Big Booties und Body Positivity ihren Zenith erreicht hatten, dann darf man ja auch fragen, wann wir wieder bei Augenbrauen ankommen, die einem mit Fineliner gezogenen Strich gleichen oder Korsetts wieder Mode werden. Einzig die Rundungen der Rubens-Frauen werden wohl so schnell nicht wieder „in“ werden, ich denke, darauf können wir uns einigen. Zu viel Kapital und Potential für noch mehr Kapital steckt in Ozempic und anderen Abnehmprodukten und -substanzen.
Nehmen wir kurz an, Falten reprästentierten Lebenslinien und Geschichten, die sich auf die Leinwand des Gesichts geschrieben haben, unwiderruflich, weil sie bereits gelebt wurden und niemand in die Vergangenheit zurückreisen kann. Nehmen wir kurz an, die Wörter „weise“ und „weiß“ seien miteinander verwandt und weißes Haar stünde wirklich für Weisheit und Wissen. Wäre dann nicht der logische Umkehrschluss, dass wenn ganze Gesellschaften (getrieben von der Profitgier ganzer Industrien, viva el capitalismo!) und die Medien uns weißmachen wollen (ja, das war Absicht), dass dies uns unattraktiv mache, es nur eins bedeuten kann: Die Gesellschaft, die Industrien, die von unserem Zweifel profitieren und die Medien wollen keine weisen Frauen.
Nehmen wir an, weise Frauen hinterfragen, lebenserfahrene Frauen haben gelernt, Wissen angesammelt, they give no fucks anymore, sind in ihre Kraft gekommen und scheuen sich nicht, diese Kraft auch einzusetzen, ja, also ich finde es schon fast naheliegend davon auszugehen, dass sie eine Bedrohung des Status Quo darstellen. Stellt sich nun die Frage, wer vom Status Quo profitiert… Denn das ist doch immer die Frage, oder? Wer profitiert davon, dass Dinge so bleiben wie sie sind? (ich lass die Frage offen im Raum stehen, die Kunst ist nicht, Antworten zu geben, die Kunst ist, die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen.)
Eine Handlungsempfehlung? Eine Anweisung? Werdet ihr von mir nicht kriegen, zumindest nicht heute, nicht hier in diesem Blog-Artikel. Aber ich möchte noch ein paar Fragen stellen.

Meryl Streep in „Der Teufel trägt Prada“, rein von der Optik, ist sie eine unattraktive Frau? „Nein, aber sie ist alt. Sie repräsentiert etwas anderes.“ Mh, und was? Durchsetzungsvermögen? Erfolg? Diplomatisches Geschick? Biss? (ja, auch Bissigkeit, wir wollen jetzt nicht den Fokus auf die Frage legen, ob das Wie unbedingt erstrebenswert sein sollte, aber wir könnten uns ja fragen, ob das Was – Durchhaltevermögen, Erfolg, Diplomatie – etwas ist, das für Frauen erstrebenswert sein könnte oder sollte. Also aus einer bestimmten Sicht. Ebenso darf man die Frage stellen, wem es nicht schmecken könnte, wenn Frauen dies als ihre erstrebenswerten Ziele setzten…)

Wenn weiblicher Wert sich an Äußerlichkeiten bemisst, an ihrer „F*ckbarkeit“, dann tun sich da noch ein paar mehr Fragen auf: Wenn eine Frau, die weiß, wer sie ist, wofür sie steht, was sie will, was sie nicht will, was sie mag, was sie nicht mag und was sie keinesfalls (mehr) tolerieren will, als unattraktiv und unf*ckbar gilt, was können und sollen wir dann daraus schließen? Welche Vorlieben, die man(n) zu haben hat, ergeben sich daraus? Denn ja, Zoey Sarafina, ich feier dich mit Anfang/Mitte zwanzig, wenn du weißt, wohin du willst, was du willst und wo du dich in zehn Jahren siehst (herzlichen Glückwunsch, da bist du weiter als ich es in deinem Alter war) und deine Ziele ehrgeizig verfolgst, wirklich!, aber mal Hand aufs Herz, nobody has their shit together by 20 or even 25 oder even 30. Also ergibt sich doch erstmal daraus – korrigiert mich, wenn ich falsch liege – dass die Attraktivität einer Frau (nach gesellschaftlichen und medialen Standards) darin liegt, dass sie eben voller Zweifel ist und nicht so genau weiß, wer sie ist und was sie will. Stellt sich die nächste Frage: Warum? (auch diese Frage lass ich einfach mal im Raum stehen, da macht sie sich gut, mitten im Raum, wie der berühmte Elefant.)
Anstatt also jeder Dekade, jeder Phase, jedem Lebensabschnitt seine ihm eigens innewohnende Form der Attraktivität zuzugestehen, reden wir Frauen lieber ein, sie sollen einen Status aufrecht erhalten, der vor zehn, zwanzig Jahren, ganz natürlich, evolutionär, biologisch bedingt abgelaufen ist. (Gleichzeitig vernachlässigen wir Frauengesundheit und frauenfokussierte Medizinforschung, die Frauen tatsächlich dabei unterstützen könnte, in jeder Lebensphase ihr „best self“ ausleben zu können, aber gut, das ist ein anderes, sehr weites, Feld.)
Weil unser Wert sich an der Bewunderung fremder Augen, männlicher Augen, zu bemessen scheint. Schönheit bekommt Bewunderung. Weisheit Respekt. Aber wir sollen beides wollen. Immer.
Und je mehr wir Frauen in die Zwickmühle drängen, allem und allen immer und jederzeit gerecht werden zu sollen, zu müssen, zu wollen sollen, desto mehr zerreisst sich das Potential für ungeahnte Dinge, die diese Frauen zustande bringen könnten, wenn nicht der Morgen schon mit einer 50-Step-Skincare-Routine beginnen würde, müsste und jeder dritte Blick einer fremden Person, männlich wie weiblich, diesen kleinen nagenden Zweifel, was die Person wohl gerade (über ihr äußerliches Erscheinungsbild wohlbemerkt) denken könnte, aufkeimen ließe.
An dieser Stelle möchte ich nochmal betonen, dass gute Hautpflege, Sport, Bewegung und Ernährung keineswegs verteufelnswerte Zeitvertreibe sind, im Gegenteil, alles, was dazu beiträgt, dass ihr euch besser fühlt, kraftvoller seid, mehr aus dem euch innewohnenden Potential machen könnt, desto mehr wird euer Umfeld und die Welt davon profitieren, desto mehr könnt ihr der Welt geben, desto mehr könnt ihr vom Leben nehmen. Ich hab nur noch eine Frage: Seid ihr sicher, dass das, was ihr denkt, was ihr braucht, um euch gut zu fühlen, wirklich eurem eigenen Denken entspringt? Und wenn ihr feststellen solltet, dass viel doch medienbeeinflusst ist, dann ganz ehrlich: Respekt. Denn alleine ein Bewusstsein dafür zu haben und es nicht mit einem „ja, aber“ schönreden zu wollen, das find ich groß, das find ich stark.
Wir können und müssen uns glaube ich darauf einigen, dass sich keiner von uns von den jahrzehnte-, jahrhundertelang gewachsenen Strukturen und ihren Narrativen freisprechen und so einfach freimachen kann. We’re in this together.
Aber wir dürfen Fragen stellen. Denn mit guten Fragen fängt es an. Mit Hinterfragen und dem Raum für ehrliche Antworten beginnt Wandel.
Und wenn wir nur ein wenig den Weg mitebnen wollen für die Chance, dass Weisheit und Wissen für Frauen und generell an Attraktivität gewinnen darf, dann ist heut ein guter Tag, um in den Spiegel zu schauen und sich selbst anzulächeln, Schwester. Denn du bist schön. Genau so wie du bist.

Gina Laventura © 2026
