Eines Tages werden wir alle schwarz tragen
Hier sitze ich nun, in einem Raum voller Trauer. Trauer, so dick und dicht und schwer wie die Luft in einem schlecht gelüfteten Raum an einem heißen Sommertag. Die Frauen sind schwarz gekleidet, junge Männer schenken der trauernden Mutter, den Schwestern, Geschwistern und Verwandten und anderen Gästen schwarzen Tee und schwarzen Kaffee ein. Auch wenn ich mich etwas deplatziert fühle, weil ich den Verstorbenen gar nicht kannte, wird mir doch eines bewusst: In der Sprache der Gefühle sind wir alle gleich. Bei Gefühlen gibt es keinen Unterschied zwischen uns.
Während ich versuche Teile, Fetzen, Bruchstücke der predigtähnlichen Rede zu verstehen, die in einer Sprache gehalten wird, die ich nicht vernünftig, nicht richtig gelernt habe, sehe ich, wie die Männer versuchen ihre Körper zu halten, die Haltung und den starken Eindruck zu wahren und die Tränen zu unterdrücken, die sich nur zu gern ihren Weg bahnen würden. Die gerne hinauf und hinaus wollen würden, um die Seele zu erleichtern, das schwermütige Herz atmen zu lassen. Ich sehe, wie Frauenhände die Hände anderer Frauen halten, drücken.
Das letzte Mal, als ich all diese Leute gesehen habe, tanzten wir ausgelassen voller Freude auf einer Hochzeit. Und ich denke mir: Vielleicht ist das das, was uns vereint. Freude und Trauer. Wir sind zusammen, wir sind eins. In Freude und in Trauer.
Und während ich darüber nachdenke, reißt der Klageschrei einer Tante, die soeben eintraf, das Gemurmel des trauernden Raumes auseinander, durschneidet die leidende Luft. Und so wie die Tante den Raum vollständig betritt, spüre ich wie die Trauer den Raum durchfährt, ein angestoßener Dominostein, der effektiv die anderen kippen lässt. Und ich weiß: Der nächste Stein, der fällt, bin ich. Das Zittern in der Herzgegend beginnt, das Atmen wird schwerer. Ich schaue zu meiner Rechten, zu der Frau, mit der ich gekommen bin. In ihren Augen eine schimmernde, glänzende Reflektion. Ich drücke ihre Hand. Sie drückt zurück. Ja, wir sind hier gemeinsam, zusammen, verbunden.
Trauer ist Trauer, ganz egal wo du herkommst, welche Sprache du sprichst, welche Speisen du verzehrst, ob sich unsere Traditionen unterscheiden oder nicht. Trauer hinterlässt ihre tiefen Spuren, wie Schnitzereien mit dem Messer in den starken Stamm eingetrieben, auf deiner Seele oder reißt sie auseinander, so oder so. Nur ein paar Monate zuvor waren wir alle verbunden in Freude, denn Lachen ist universell und bedarf keiner Übersetzung. Und so ist auch Trauer, in der wir nun sitzen, gemeinsam.
Ich reibe die Schulter der Schwester des Verstorbenen, während ihr müdes Gesicht sich anstrengt ein Lächeln hervorzubringen. Drei weitere Frauen haben soeben der trauernden Mutter ihr Beileid ausgesprochen und ich wünschte, ich könnte etwas dieser Schwere, dieses Gewichts von ihrem Herzen nehmen, zumindest für einen Augenblick. Ich wünschte, ich könnte sie umarmen, sodass ihre schmerzende Seele sich gegen meinen Körper fallen lassen kann, nur für einen Moment. Doch ich bleibe sitzen. Ich fühle mich abgekapselt und doch verbunden.
Ich wünschte, ich könnte dem jungen Mann, der gerade seinen Freund verloren hat – und dessen Erinnerung ihm Momente und Szenen, die er mit dem Verstorbenen erlebt hat, vorspielt, welche sich nun in der wässrigen Oberfläche seiner feucht glänzenden Augen widerspiegeln – sagen, dass es in Ordnung ist zu weinen, dass es menschlich ist zu trauern, samt Seele, Geist und Körper. Dass es in Ordnung ist, wenn die Seele sich durch den körperlichen Akt des Weinens ausdrücken möchte, ein kathartischer Akt. Doch ich bleibe still, schüttle seine Hand und bekunde mein Beileid.
Vielleicht ist in der Stille, mit der Stille auch schon alles gesagt.
Es ist, als ob wir alle bereits alle Worte kennen, die irgendjemand in diesem Moment sagen könnte.
Die dichte, dicke Luft der Trauer und des Trauerns lässt jeden anderen Gedanken dumpf werden und wir sitzen einfach hier. Zusammen, trauernd, wehklagend.
Und dennoch: Im Angesicht des Todes wird das Leben umso wertvoller, umso lebenswerter.
Ich frage mich, wessen wehklagender Schrei eines Tages meinen Fortgang begleiten wird. Wie wird die Predigt an meinem Grabe klingen?
Und plötzlich werde ich mir eines gewahr: Eines Tages werden wir alle einen geliebten Menschen verlieren. Das ist ein Fakt. Eines Tages wird ein jeder von uns in schwarz dasitzen und den Verlust eines geliebten Menschen betrauern. Oder, falls wir das vermeiden können, indem wir zuerst ausscheiden, bevor die anderen es tun, dann sollte uns doch bewusst sein, dass jemand anders dort sitzen wird, schwarz gekleidet, um unseren Fortgang zu beweinen.
Eines Tages werden wir alle schwarz tragen. Eines Tages werden wir alle weinen und trauern. Aber wir werden dabei nicht allein sein. Niemals.
Und ich hoffe, dass wir bis zu diesem Tag auch gemeinsam und nicht allein in all den freudvollen Momenten des Lebens sein werden.
Ich bete, dass ein jeder und eine jede von uns das Leben voll gelebt, voll ausgekostet haben wird, bis der unausweichliche Tag unsere Erdenexistenz fortnimmt.
Wir sind eins. In Freude, in Schmerz, in Trauer, in Liebe. Trotz unserer Unterschiede.
Gestern saß ich in einem Raum voller Trauer.
Und er lehrte mich sehr viel über das Leben.