
Ich frage Adil, was seine Lieblingsfarbe ist. Er zeigt auf seine Hose und sein T-Shirt und antwortet: „Grün und Rot.“ Natürlich. Dann sagt er: ”Und Weiß und Schwarz mag ich auch, aber das sind ja keine richtigen Farben.“ Adil ist fünf.
Wir sitzen auf dem Boden seines Kinderzimmers zwischen verstreuten Büchern und Spielzeugen und Adil erklärt mir alle Planeten und ihre spezifischen Eigenheiten, wie weit sie jeweils von der Erde entfernt sind, und das tut er ganze drei Male, um sicherzugehen, dass ich es auch wirklich verstanden habe. Dann geht er dazu über, darüber zu dozieren, dass es noch viel mehr Planeten gäbe als jene, die er mir gerade erklärt hat, weil es noch mehr Galaxien gäbe als jene, in der wir leben.
Seine Abhandlungen werden abrupt unterbrochen, als seine Mutter uns zum Abendessen ins Wohnzimmer ruft. Während des Abendessens sprechen die sogenannten Erwachsenen über Architektur, Geschichte, Politik und dergleichen, während Adil damit beschäftigt ist, sich auszumalen, wie es wohl wäre bestimmte – für Erwachsene unvorstellbare – Dinge zu essen, wie Wolkensuppe und Fadensalat. Seine Mutter schimpft mit ihm, als er die Brücke zwischen Essen und Exkrementen zu ziehen versucht. Der Erwachsene in mir rümpft die Nase, mein inneres Kind lacht ein bisschen.
Adil wird in sein Zimmer geschickt, als er nicht mehr stillsitzen kann und das Gespräch der Erwachsenen über Architektur, Geschichte, Politik und dergleichen noch nicht beendet ist. Er kommt alle zwanzig Minuten zurück und beschwert sich darüber, dass wir stundenlang essen würden.
Ich beschließe, ihm erneut in seinem Zimmer zwischen Spielzeugen, Büchern und verstreuten Fantasien Gesellschaft zu leisten, da mir das in dem Moment sowieso spannender erscheint als Architektur und Politik.
Da sitze ich nun wieder, auf dem Teppich und betrachte die Wand, auf der die Planeten in der exakten und korrekten Reihenfolge und im richtigen Abstand zueinander als Sticker geklebt sind. Adil und ich kochen Wolkensuppe, bereiten Fadensalat zu und sprechen über Lieblingsfarben und Lieblingsgeschmäcker. Ihm fällt immer wieder ein neues unmögliches Rezept ein und er lacht sich über seine eigenen Einfälle so herzlich kaputt, dass ich auch lachen muss.
Mein Herz wird schwer und meine Brust verkrampft sich plötzlich. Ich sehne mich nach seiner Unschuld, seinen frei fliegenden, grenzenlosen Ideen, ohne durch die Gesellschaft etablierte Einschränkungen.
Adil ist fünf, er muss noch viel lernen, um in dieser Gesellschaft zu überleben. Doch in diesem Moment fühle ich mich wie diejenige, die mehr auf diesem Kinderzimmerteppich zwischen verstreuten Büchern und Spielzeugen lernt als am Tisch mit den Erwachsenen. Ich empfinde eine Mischung aus Nostalgie – weil ich mich daran erinnere, dass wir alle mal diese glorreiche Fantasie, diese unvorstellbare Vorstellungskraft hatten und ich frage mich, wo und wann diese begraben wurden – und einer tiefen Trauer, weil mich das Gefühl beschleicht, dass auch Adil einen Großteil davon eines Tages vergessen und begraben haben wird.
Während sich Tränen ihren Weg in meine Augen zu bahnen versuchen, präsentiert mir Adil sein neues Rezept: Planetenspaghetti mit Galaxiesauce. Also schlucke ich die sich anbahnenden Tränen herunter, zwinge meine Stimme nicht zu zittern und frage ihn, wie eine Galaxie wohl schmecken mag. Seine Antwort folgt ohne Zögern: Wie Kuchen. „Wie welcher Kuchen?“, frage ich. Er denkt nach, lange, so lange, dass ich ihm mit ein paar Vorschlägen zur Hilfe eile: „Ist es mehr wie ein Schokoladenkuchen oder doch eher Vanille?“ Er sagt: „Vanille.“. Also frage ich, ob es nur Vanille sei oder noch etwas anderes dabei. „Vielleicht Früchte? Erdbeeren, Blaubeeren, Bananen?“ Er wählt Blaubeeren. Ich fasse zusammen: „Du sagst also, eine Galaxie schmeckt wie ein Vanille-Blaubeerkuchen?“ „Nein!“, protestiert er, „Es ist ein Vanillekuchen mit Sahne und Blaubeeren obendrauf.“ Ich entschuldige mich für meinen Faux-pas und wiederhole exakt, was er gesagt hat, nur um sicherzugehen, dass ich es wirklich verstanden habe. Er nickt zufrieden. Endlich hat die Erwachsene es gepeilt.
„Und wie schmeckt ein Planet?“, frage ich ihn. Er starrt konzentriert die Decke an und antwortet dann: „Wie kalte Luft. Nein, nein, wie warme Luft!“ Ich versuche mich nochmals an einer Zusammenfassung: „Also, ein Planet schmeckt nach heißer Luft und eine Galaxie nach Vanillekuchen mit Sahne und Blaubeeren obendrauf, ist das so richtig?“ „Ja“, sagt er und fügt hinzu, „und nach kalter Luft.“
Ich betrachte die an die Wand geklebten Planetensticker und die weiße Wand, auf der sie sich befinden, wird tiefer, weiter, dehnt sich aus. Ich stelle mir vor, wie ich Galaxien sehe und Vanille-Blaubeerkuchen schmecke.
Meine Brust krampft immer noch, aber ich lächle, für Adil. Denn was wenn, ja, was, wenn er Recht hat?
Was, wenn Planeten wie heiße Luft und Galaxien nach Vanille-Blaubeerkuchen schmecken? Und nach kalter Luft, natürlich.
© Gina Laventura, 2025
für T. und seine Eltern